HOME
Grand-Sophy.de
| Über mich | Mein Gästebuch | Home |  

Georgette Heyer


Was fasziniert mich an Georgette Heyer?

Meine Mutter liest seit ich denken kann die Romane von G. Heyer. Sie hat wirklich alle, ohne jede Ausnahme - ihr fehlen höchstens ein oder zwei Detektivromane. Da ich mich als junges Mädchen, wie zu erwarten, zu einem furchtbaren romantischen Backfisch entwickelte, war es nur logisch, das ich irgendwann auch eines der Bücher meiner Mutter las, sozusagen in direkter Nachfolge von "Hanni und Nanni". Mein erster Georgette Heyer Roman war "Eskapaden" (Devil's Cub). Ich war begeistert. So romantisch! Wunderbar. Natürlich habe ich danach ein Buch nach dem anderen verschlungen, immer auf der Suche nach dem Helden, der wahren Liebe und der großen Romantik. Dabei entging mir vollkommen, die wahre Genialität dieser Bücher. Zu der Zeit habe ich auch Catherine Cookson und andere gelesen und bemerkte zwar, dass sie nicht so faszinierend waren, wie die von G. Heyer, doch da ein Held und eine Heldin plus Happy End vorkamen, war ich's zufrieden.

Zum Glück ging auch die Backfisch-Zeit vorüber und ich entwickelte mich zu einer eher nüchternen, realitätsnahen Person. Und mit der eigenen Weiterentwicklung begannen sich seltsamerweise auch die Bücher zu verändern. Plötzlich entdeckte ich, dass ich den Büchern nie gerecht wurde, wenn ich nur auf das Happy End (das übrigens keineswegs sicher ist) wartete. Längst sind meine Lieblingsbücher von damals anderen gewichen - natürlich immer noch von Georgette Heyer. Mein erstes und absolutes Lieblingsbuch "Eskapaden" habe ich vor recht kurzer Zeit noch einmal gelesen und konnte den Zauber nicht so recht wieder finden. Ja, in der Tat ist es eher eines der mittleren Kategorie, wenn man die Bücher der ehrenwerten Miss Heyer denn kategorisieren will.

Bisher hatte ich mich mit der Person Georgette Heyer nie beschäftigt. Die wenigen Informationen in den Klappdeckeln der Bücher haben mir gereicht. Doch während ich nun an dieser Seite arbeite, habe ich auch einiges über Miss Heyer erfahren. Die Biografin Jane Aiken Hodge schrieb, sie habe die Bücher noch einmal in der Reihenfolge ihres Erscheinens gelesen und dadurch einen Einblick in die Entwicklung von G. Heyer und ihrer Protagonisten gefunden. Das werde ich demnächst einmal versuchen. Denn bisher habe ich einige der schwächeren Bücher mit der Erklärung abgetan, dass der Herausgeber vielleicht auf ein weiteres Werk drängte und Miss Heyer in Zeitdruck schrieb. Ich bin sehr gespannt auf die Einblicke, die mir dieses "Experiment" bringen wird.

Zurück zu Faszination. Was unterscheidet denn nun die Romane der Georgette Heyer von denen einer Catherine Cookson oder gar Barbara Cartland? Nun zuerst einmal, es sind keine Liebesromane. Ja, die meisten Romane enden mit einem Heiratsantrag und ja, während der Geschichte entwickelt sich auch eine Romanze. Doch dieses ist nur das Grundskelett für eine vollkommen andere Geschichte. Wer die Romane der G. Heyer nur auf diese Romanze reduziert, hat die Bücher, so wie ich mit 14, nicht verstanden und nicht wirklich gelesen.

Georgette Heyer hatte sich ein immenses Wissen über das englische Empire zugelegt. Sie war so bewandert in der Geschichte und der Kultur der damaligen Zeit, dass sie sogar als Sachverständige vom Britischen Museum herangezogen wurde. So sind ihre Romane ein Sittengemälde des 18. Jahrhunderts und mit den Romanen von Jane Austen zu vergleichen, die übrigens von Miss Heyer sehr verehrt wurde.

Innerhalb dieses Zeitrahmens mit seiner Weltgeschichte und der Gesellschaftsform spielen nun die historischen Romane der G. Heyer. Und diese unterscheiden sich sehr untereinander. Einige sind Abenteuerromane, wo die Helden recht ungewöhnliche, ja fantastische Geschichten inkl. Mord, Raub, Entführung etc. erleben, andere wiederum sind ganz alltägliche Geschichten, die sehr humorvoll das schwierige Leben junger unternehmungslustiger Leute in der damaligen Zeit beschreibt.
Und dann sind da noch die "Geschichtsbücher". "Lord John", "Der Eroberer", "Königliche Abenteuer" - Bücher über wahre Ereignisse mit geschichtlichem Hintergrund. Während "Der Eroberer" und "Königliche Abenteuer" immer noch fiktive Romane sind, die sich nur an einer wahren Begebenheit anlehnen, ist "Lord John" die Nacherzählung einer solchen Geschichte.

Aber das wohl größte Unterscheidungsmerkmal ist der Humor! Georgette Heyers Art, Menschen und sogar Tiere zu charakterisieren und mit einem feinen Sinn für Humor auch manchmal zu karikieren ist einfach köstlich. Es fällt mir schwer, das zu beschreiben, daher möchte ich hier nochmals ein Textbeispiel anführen:

Es fiel dem Wirt sichtlich schwer, seine Stimme zu meistern. "Ei ja, Mylord", brachte er zur Not hervor und trottete davon, Papier und Schreibzeug zu holen. Nach einigem Suchen kam ihm eine brauchbare Feder zur Hand. Er musterte sie streng, und während er sie betrachtete, machte er sie zur Vertrauten seiner ahnungsvollen Gedanken. "Mr. Eustace verlobt?" murmelte er ungläubig. "Nicht zu glauben! Solch ein Gedanke ist ihm nie in seine verflixten Kopf gekommen! Und Mr. Eustace, der sich um das Wohlergehen seiner Witwe sorgt! Eh, da stimmt was nicht! Das ist Ihrem Kopf entsprungen, Mylord, erzählen Sie mir nichts!" Die Schreibfeder gab natürlich keine Antwort. Mr. Hitchin schnuffelte und hob das Tintenfaß auf.

oder diese Beschreibung eines Hundes:

Bouncer war aufgestanden, schüttelte sich und wedelte erwartungsvoll. "Wenn es dein Nachtmahl ist, das du im Sinn hast" sagte Elinor streng, "so tätest Du recht, dich mit Mrs. Barrow gut zustellen." Freudig sprang er auf den mit Fliesen ausgelegten Korridor, der zur Küche führte, vor ihr her. Und in der Küche war seiner Zutunlichkeit kein Ende, doch gelang es nur der Überredungskunst Elinors, Mrs. Barrow dahin zu bringen, daß sie ihm eine Schüssel mit Fleischbrocken hinstellte. Sie sagte, Bouncer habe bereits die Hammelschulter, die für Elinors Dinner bestimmt war, aufgefressen. Der scharfsinnige Hund lauschte Elinors Vorwürfen mit einer Miene, in der Arglosigkeit mit bohrendem Hunger gemischt war; so konnte sie nichts Schlimmes von ihm glauben und bestand darauf, dass er noch einmal gefüttert werde. Und die Begeisterung, mit der er sich auf die neue Portion stürzte, entkräftete alles, was gegen seinen Charakter geäußert worden war.

Beides aus "Die widerspenstige Witwe".

Die Romane von Georgette Heyer und ihre Leser haben es in der heutigen Zeit schwer. Die Verlage haben jahrelang die Bücher mit Umschlägen und Inhaltsangaben versehen, die jeden glauben ließen, es mit einem der üblichen Liebes-/Schundromane zu tun zu haben. Selbst mir als getreuem Fan schauderte bei der Anschaffung einiger dieser Exemplare. So hat Anfang der 90er Jahre z. B. der Moewig Verlag die Herausgabe zeitweilig übernommen. Leider habe ich keinen Scanner und auch im I-Net kein Exemplar mehr gefunden. Doch als Anschauung sei auf folgendes Bild verwiesen, das in der Aufmachung dem der Moewig Ausgaben gleicht:

Dazu dann noch die Inhaltsangabe:
Dem ruhmreich aus der Schlacht bei Waterloo heimgekehrten Captain der Dragoon Guards, John Staple, ist das Zivilleben zu langweilig. Daher tarnt er sich als Zollwärter, macht sich auf die abenteuerliche Suche nach einem geraubten Staatsschatz und findet in der eigenwilligen Nell Stornaway den Schatz seines Herzens.
("Liebe unverzollt" Moewig 1994)

Mal ehrlich, wie soll man da noch die Leute davon überzeugen, dass es sich nicht um einen Liebesroman handelt? Jedesmal wenn jemand vor meinem Bücherregal steht, hoffe ich, dass derjenige nicht gerade eines dieser Exemplare herauszieht. Es ist einfach furchtbar und ruiniert einem jeden halbwegs guten Ruf!

Mittlerweile hat der dtv Verlag die Herausgabe übernommen und die Taschenbücher mit recht ansprechenden und anspruchsvollen Umschlagentwürfen versehen, auch die Inhaltsangaben sind vom Kitsch befreit.

Wie bei so vielen ausländischen Büchern sollte man, sofern des Englischen ausreichend mächtig, die Bücher im Original lesen. Es gibt hervorragende Übersetzungen, doch leider auch einige, die man als recht lieblos übersetzt bezeichnen muss.

Nach meinem eigenen Geschmack sind nicht alle Bücher gleich gut. Wie ich schon vorher einmal erwähnte, gibt es einige, die ich des unter Zeitdrucks geschrieben bezichtige. Es gibt ein oder zwei Bücher, deren Geschichte mir einfach nicht zusagt und es gibt sogar eines ("Die spanische Braut") zu dem ich mich überhaupt noch nicht aufraffen konnte. Wie man mir versicherte, ein Fehler - da dieses Buch sogar meinem Vater gefallen hat. Und unter denen, die mir gut gefallen, gibt es dann auch noch Abstufungen von genial bis sehr schön. Doch scheint sich der Geschmack mit der Zunahme an Lebensjahren auch hier zu verändern, so dass ich davon absehe, eine Bewertung der Bücher in den Beschreibungen abzugeben.

Ein ganz anderes Kapitel sind die Detektivromane. Diese sind erst einmal in der Gegenwart der Autorin (also Anfang bis Mitte 1900) geschrieben und vom Stil her doch sehr unterschiedlich. Auch hier finden nicht alle meine volle Zustimmung, doch dazu mehr in den Besprechungen.

Die Bücher der Georgette Heyer sind in meiner Familie (Mutter und Schwester) längst Kult. Es genügt meistens die Erwähnung eines Wortes oder eines Satzes und jeder weiß, was, wann, warum. Ganze Sätze sind in unseren Sprachgebrauch übergegangen, z. B. behaupten meine Schwester und ich bis heute, wir nehmen nur einen Mann, der "ventre-à-terre" an unser Sterbebett reitet ("Verlobung zu Dritt") und recht unebenes Gelände ist grundsätzlich der "Abreitplatz, mit vielen natürlichen Hindernissen" ("Schritte im Dunkeln"). Das einzige Buch, dass ebenfalls eine derartige Wirkung auf einen Sprachgebrauch hat, ist der "Herr der Ringe", wo solche Dinge wie "Südländer", "Ostlinge" oder "Asche auf meinen Tomaten" (seit dem Film) zur Umgangssprache der Fans gehört.

Dem Versuch, die Bücher meiner Lieblingsautorin aus der Liebesroman-Ecke zu holen, ist diese Seite gewidmet. Sollte ich den einen oder anderen (wahrscheinlich eher die eine oder andere) überzeugt haben, es einmal mit einem Buch von G. Heyer zu versuchen, würde ich mich über eine Nachricht freuen.

Hamburg, im August 2002
Claudia

  © 2002 · Claudia ·