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Georgette Heyer



Der Page und

die Herzogin

(engl. These Old Shades)


Erstveröffentlichung in England: 1926
Deutsche Erstveröffentlichung: 1960
Broschiert - 409 Seiten - Dtv, Mchn.
Erscheinungsdatum: 2002
ISBN: 3-4232-0553-9

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Der Page und die Herzogin




Kurzbeschreibung

Ängstliche veilchenblaue Augen, kurze tizianrote Locken - der schlanke Knabe, der Justin von Avon bei einem Spaziergang durch die Gassen von Paris beinahe umrennt, kommt dem Herzog seltsam vertraut vor. Der Junge ist auf der Flucht vor seinem gewalttätigen Bruder, einem Kneipenwirt. Obwohl als kalt und gefühllos verrufen, kommt der Herzog ihm erstaunlicherweise zu Hilfe und macht ihn zu seinem Pagen. Auf den Bällen in Versailles erregt diese neue Kaprice des eigenwilligen Herzogs etliches Aufsehen. Noch weiß der französische Adel nicht, daß Avon auf raffinierte Rache an seinem Todfeind Graf Henry de Saint-Vire sinnt. Dieser wird ganz blaß, als er den zierlichen Leon erstmals zu Gesicht bekommt. Als Avon dann nach einer Reise ins heimatliche London statt mit dem Pagen Leon mit seinem bezaubernden Mündel Leonie in der Pariser Gesellschaft erscheint, wird es Saint-Vire zur Gewißheit, was Avon vorhat. Doch Avon hat nicht mit Leonies Dickkopf gerechnet, die sich nicht so einfach für den Vergeltungsschlag des Herzogs einspannen läßt. Und so wird er selbst Opfer der Reize des temperamentvollen rothaarigen Mädchens.
Quelle: Amazon Kurzbeschreibung 2002

Textbeispiel

[Leonie wird entführt, Rupert - Seiner Gnaden jüngerer Bruder - rennt zu fuß hinterher, Lord Merivale, der eigentlich mit dem Herzog auf den Tod verfeindet ist, erscheint in seiner Gnaden Heim ...]

Mr. Manvers ist entrüstet

Draußen hörte man Hufegetrappel und das Knirschen von Rädern auf dem Kies. Madam fuhr auf.
"Der Himmel sei gepriesen, sie sind zurückgekommen!"
Einhellig verließen Anthony und Jennifer [Merivale] die leidende Dame und eilten in die Halle. Das große Eingangstor stand offen, und eintrat Seine Gnaden, der Herzog von Avon, elegant angetan mit einem Rock aus feinstem purpurnem Samt, reich mit Goldborten betreßt, einem Reisemantel mit zahlreichen Capes, beide nachlässig, offenstehend, und blankgewichsten Schaftstiefeln. Er verharrte auf der Schwelle und hob das Lorgnon ans Auge, als er der Merivales ansichtig wurde.
"Du lieber gott!" sagte er mit schleppender Stimme. "Welch unerwartete Ehre. Ihro Gnaden ergebenster Diener."
"Heiliger Himmel!" rief Merivale wie ein zerknirschter Junge aus.
Seiner Gnaden Lippen erzitterten leicht, doch Jennifer wurde feuerrot. Merivale trat einen Schritt vorwärts.
"Sie müssen dies für einen ungebührlichen Einbruch in Ihr Haus ansehen, Herzog", begann er steif.
"Durchaus nicht", erwiderte Seine Gnaden mit einer Verbeugung. "Ich bin entzückt."
Merivale gab die Verbeugung zurück.
"Ich wurde zu Madam Fields Unterstützung gerufen", sagte er. "Sonst wäre ich nicht hier, das können Sie mir glauben."
Der Herzog entledigte sich lässig seines Mantels und schüttelte seine Spitzenmanschetten aus.
"Wollen wir uns nicht in den Salon zurückziehen?" schlug er vor. "Sie sagten, glaube ich verstanden zu haben, Sie seien zur Unterstützung meiner Cousine hierhergekommen?" Er führte die beiden zum Salon und forderte sie mit einer Verbeugung auf, einzutreten. Madam Field kreischte bei seinem Anblick auf und fiel in ihre Kissen zurück.
"Barmherzigkeit, 's ist Justin!" rief sie.
Jennifer trat auf sie zu.
"Beruhigen Sie sich, Madam! Beruhigen Sie sich!"
"Sie scheinen sonderbar erregt zu sein, Cousine", bemerkte Seine Gnaden.
"Oh, Justin! Oh, Cousin! Ich hatte keine Ahnung! Sie erschienen mir so unschuldig! Ich kann's jetzt noch kaum glauben -"
"Unschuldig! Natürlich waren sie's!" schnauzte Merivale sie an. "Lassen Sie doch endlich diesen Unsinn mit dem Durchgehen! Das ist kindisches Geschwätz!"
"Oh, Anthony, glaubst du wirklich?" rief Jennifer dankbar.
"Ich möchte nicht aufdringlich erscheinen", sagte der Herzog, "doch ich hätte ganz gerne eine Erklärung. Wo ist mein Mündel, wenn ich fragen darf?"
"Darum", versetzte Merivale, "handelt es sich ja."
Der Herzog stand stocksteif.
"Ei!" sagte er leise. "Bitte, fahren Sie fort. Cousine, ich muß Sie ersuchen, Ihr Wegklagen einzustellen."
Madams geräuschvolles Schluchzen erstarb. Sie umklammerte jennifers Hand und schnüffelte verstohlen.
"Mehr weiß ich nicht", sagte Merivale, "als daß sie und Rupert seit elf Uhr vormittags abwesend sind."
"Rupert?" sagte Seine Gnaden.
"Ich hätte Ihnen noch mitteilen müssen, daß Rupert seit den letzten drei Wochen unser Gast ist."
"Sie versetzen mich in Bestürzung", sagte Avon. Seine Augen waren hart wie Achat. Er wandte sich um und stellte seine Schnupttabakdose auf den tisch. "Damit scheint sich ja das Rätsel gelöst zu haben", fuhr er gelassen fort.
"Sir!" Jennifer hatte das Wort ergriffen. Seine Gnaden blickte sie gleichmütig an. "Wenn Sie damit meinen, daß - daß die beiden durchgegangen sind, lassen Sie mich Ihnen versichern - oh, ich bin überzeugt, daß dies nicht der Fall ist! So etwas hatten sie nie im Sinn!"
"So?" Avon sah von einem zum andern. "Wollen Sie mich bitte aufklären?"
Merivale schüttelte den Kopf.
"Meiner Treu, ich kann's nicht. Aber ich würde meine Ehre zum Pfand setzen, daß zwischen den beiden von Liebe keine Red eist. Sie sind richtige Kindsköpfe, und selbst jetzt noch habe ich sie im Verdacht, uns einen Streich zu spielen. Um so mehr -" er hielt inne.
"Ja?" fragte Avon.
Jennifer schaltete sich ein.
"Sir, das Kind kann von nichts anderem als von Ihnen sprechen!" sagte sie ungestüm. "Sie werden von ihr angebetet!"
"Das glaubte ich", erwiderte Avon. "Aber man kann sich täuschen. Es gibt, scheint mir, ein Sprichwort, das besagt, daß Jugend zu Jugend strebt."
"Das ist nicht der Fall", behauptete Merivale. "Sie liegen sich doch stets in den Haaren! Außerdem haben sie keine Pferde mitgenommen. Vielleicht verstecken sie sich irgendwo, um uns einen Schrecken einzujagen."
Ein Diener trat ein.
"Ja?" Avon sagte es, ohne sein Haupt zu wenden.
"Mr. Manvers wünscht mit Lord Rupert zu sprechen, Euer Gnaden."
"Ich habe nicht die Ehre, Mr. Manvers zu kennen", sagte der Herzog, "aber lassen Sie ihn ein."
Es trat ein kleiner drahtiger, rotbäckiger herr mit funkelnden zornigen Augen ein. Er starrte die Gesellschaft an und platzte, sich an den Herzog wendend, mit der Frage heraus: "Sind Sie Lord Rupert Alastair, Sir?"
"Nein, der bin ich nicht", erwiderte Seine Gnaden.
Das erboste Männchen wandte sich an Merivale. "Sie, Herr?"
"Mein Name ist Merivale", erwiderte Anthony.
"Wo ist also Lord Rupert Alastair?" fragte mr. Manvers, wütend und verwirrt in einem.
Seine Gnadne nahm eine Prise.
"Das möchten wir alle selber gern wissen", sagte er.
"Verdammt, Sir, gedenken Sie mit mir zu scherzen?" schäumte Mr. Manvers.
"Ich habe noch nie mit jemandem gescherzt", erwiderte der Herzog.
"Ich bin hierhergekommen, um mit Lord Rupert Alastair zu sprechen! Ich wünsche eine Erklärung von ihm!"
"Mein lieber herr", sagte Avon. "Treten Sie in unsere Mitte! Wir alle wünschen dies."
"Wer sind Sie, zum Teufel?" schrie das Männchen außer sich.
"Sir", verbeugte sich Seine Gnaden, "ich glaube, ich bin der Teufel. Man sagt's zumindest."
Merivale schüttelte sich vor unterdrücktem Lachen. Mr. Manvers fuhr auf ihn los. "Ist das ein Irrenhaus?" fragte er. "Wer ist das?"
"Der Herzog von Avon", erwiderte Merivale mit schwankender Stimme.
Mr. Manvers stürzte sich abermals auf den Herzog.
"Ah! Dann sind Sie Lord Ruperts Bruder!" sagte er rachelüstern.
"Zu meinem Mißgeschick, Sir, glauben Sie mir."
"Ich möchte folgendes wissen", sagte mr. Manvers. "Wo ist mein Rotschimmel?"
"Ich habe nicht die leiseste Ahnung", erwiderte Seine Gnaden freundlich. "Ich kann nicht einmal mit Sicherheit behaupten zu wissen, wovon Sie reden."
"Meiner Treu, ich auch nicht!" gluckste Merivale.
"Mein Rotschimmel, Sir! Wo ist er? Antworten Sie mir!"
"Sie müssen mich leider entschuldigen", sagte der Herzog. "Ich weiß nichts von Ihrem Pferd. Augenblicklich bin ich sogar an Ihrem Pferd - Rotschimmel oder was immer - nicht sehr interessiert."
Mr. Manvers warf die geballte Faust gen Himmel.
"Nicht dran interessiert!" sprudelte er hervor. "Mein Pferd wurde gestohlen!"
"Seien Sie meines Mitgefühls versichert", sagte Seine Gnaden gähnend. "Doch ich erfasse nicht ganz, was dies mit mir zu tun haben soll."
Mr. Manvers hieb auf den Tisch. "Gestohlen wurde es, Sir, von Ihrem Bruder, Lord Rupert Alastair, und zwar heute!"
Diese Worte ließen eine plötzliche Stille eintreten.
"Fahren Sie fort!" forderte Seine Gnaden ihn auf. "Jetzt interessiert uns dies höchlichst. Wo, wann, wie und warum stahl Lord Rupert Ihr Pferd?"
"Er stahl es im Dorf, Sir, heut vormittag! Und ich muß sagen, Sir, daß ich dies für einen gewaltige Unverschämtheit ansehe. Ein starkes Stück, das mich in Wut versetzt! Ich bin sonst ein ruhiger Mensch, Sir, aber wenn mir solche Nachricht von einem Mann von hoher Geburt, von Titel, überbracht wird -"
"Oh, er hat eine Nachricht hinterlassen?" fragte Merivale dazwischen.
"Durch den Hufschmied, Sir! Mein Stallbursch ritt auf dem Rotschimmel ins Dorf, und da das Pferd einen Huf verlor, brachte er es zum Schmied, wie sich's gehört. Während Coggin das Tier beschlug, ging mein Bursch zu Fawley, um meine Aufträge auszuführen." Er atmete schwer. "Als er zurückkehrte, war das Pferd fort! Der Schmied - dieser verdammte Narr! - sagte mir, daß Lord Rupert darauf bestand, das Pferd zu nehmen - mein Pferd, Sir! -, und mir seine Empfehlungen und seinen - seinen Dank übermitteln lasse, daß ich ihm mein Pferd geborgt!"
"Äußerst korrekt", meinte Seine Gnaden.

Da ich nicht das ganze Buch abschreiben kann, muss hier Schluss sein. Wer wissen möchte, warum Rupert das Pferd stahl, und ob Mr. Manvers es je wieder bekommt, muss das Buch lesen!

Anmerkungen

Ich liebe dieses Buch. Es ist Teil einer kleinen Reihe, bestehend aus Der Page und die Herzogin und Eskapaden.

Es gibt verwirrende Spuren bzw. Bezüge zu Der schwarze Falter, aber obwohl man glauben könnte, Der Page und die Herzogin würde sich beinahe direkt an Der schwarze Falter anschließen, stimmen die Namen der Charaktere nicht überein. Der Herzog von Avon heißt Andover im Falter, Jennifer heißt Diana, Anthony heißt Jack. Aber die Parallelen sind unverkennbar. Der Herzog von Andover hat z.B. einen wohlmeinenden Freund [im Pagen heißt er dann Hugh Davenant], der ihm einstmals sagt, eines Tages würde eine Frau kommen, die sein kaltes Herz aufbricht. Dieser Spruch erscheint wortwörtlich im Pagen erneut und die beiden Herren sprechen über diese frühere Prophezeiung! Der Herzog von Andover entführt Diana und duelliert sich schließlich mit Jack, ihrem späteren Ehemann. Anthony Merivale ist mit dem Herzog von Avon auf den Tod verfeindet, weil er eben Jennifer entführt hatte und Anthony/Jack sie befreien musste. Sogar der kleine Sohn von Lady Fanny (des Herzog von Avons Schwester) hat den gleichen Namen wie im Falter.

Aber das tut dem Vergnügen keinen Abbruch und ich würde ruhig empfehlen, alle drei nacheinander zu lesen.

Eskapaden handelt ca. 20 Jahre später und von den Abenteuern des Sohnes des Herzogs. Ein Großteil der Charaktere aus dem Pagen tauchen in mehr oder weniger großen Rollen wieder auf.

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  © 2005 · Claudia